Werkstatt für Visionär*innen

6.-8. Juni 2022 in Nöbdenitz

Kein Pfarrer mehr im Ort, aber im Pfarrhof steppt der Bär? Sinkende Mitgliederzahlen; überalterte Gemeinden; Pfarrstellen mit 17 Kirchtürmen; Gemeindekirchenräte, die vor Ort manchmal die verbliebene, restliche Gemeinschaft der Getauften repräsentieren … Das Altenburger Land im Osten der EKM ist ein strukturschwaches Gebiet und der Landkreis ist einer der ärmsten von ganz Deutschland. Aber immer noch glüht hier was. Hier leben Menschen, die wollen was – die legen sich ins Zeug, um mit Haupt- und Ehrenamtlichen aus ganz Deutschland, über alle Landeskirchengrenzen hinweg, der Zukunft der Kirche auf den Grund zu gehen.

3 Tage ehrlicher Rechenschaft

© Thomas Hirsch-Hüffell

Über das Gefühl, ein ordinierter Insolvenzverwalter zu sein mit theologischer Nebenbeauftragung. Über die Sehnsucht, Menschen zusammenzubringen – so wie einst Benjamin Blümchen, der Briefe mit verschiedenen Adressaten in einen einzigen Briefkasten steckt und die Leute damit implizit auffordert, einander wieder zu besuchen. Über die Angst, dass wir irgendwann zu einer Pensionskasse mit angehängter Kirche mutieren. Über die Beobachtung, dass Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer lange Zeit gut funktioniert und große Freiheitsspielräume ermöglicht haben, weil es verlässlich Geld ohne Nennung eines konkreten Leistungsgrundes gab. Dies funktioniert allerdings nur innerhalb einer umfassenden Einbettung von Kirche und christlichem Glauben in der Gesellschaft im Modus der Selbstverständlichkeit, sagte Prof. Dr. Michael Domsgen mit Bezug auf Gerhard Wegner. Dann nämlich ist die eigenresonante Wirklichkeit der Kirche zu einem großen Teil deckungsgleich mit dem, was in der Gesellschaft geschieht. Diese Zeiten aber haben sich längst geändert, der Wind hat sich gedreht. Im Osten weiß man das schon lange. Durch die Kirchensteuer müssen wir uns den tatsächlichen Nachfragen nach unserem Angebot und dem Wettbewerb auf dem religiösen oder kulturellen Markt kaum stellen. Sie ist Fluch und Segen zugleich.

 

Und irgendwo zwischen allen diesen Gedanken das Bild der 1000jährigen Eiche auf der Nöbdenitzer Dorfstraße, die mit 4 Pfeilern und 2 Ringen mühsam zusammengehalten wird.

 

© Thomas Hirsch-Hüffell

Was uns aus dieser Klemme herausführt, ist vielleicht die Frage nach unserer Lebendigkeit. Die Frage, wo unser Säen eigentlich auf fruchtbaren Boden fällt. Wo gesellschaftliche Möglichkeiten aufleuchten wie in der Profilierung von Kitas, Schulen und diakonischen Einrichtungen als Zentren christlicher Gemeinde. Wo wir fröhlich zur kreativen und beseelten Minderheit werden und uns trauen, offen und ehrlich Relevanzkriterien an unsere Arbeit anzulegen. Für Prof. Dr. Heinzpeter Hempelmann war das u.a. in der Frage, ob unser Angebot christliche Prägekraft aufweist.

Wir haben „Feuer und Flamme“ und „Der Himmel bist du“ gesungen und dem Sound of Change in der Kirche gelauscht. Wir haben für den Tagungsband alte Gegenstände zum Leben erweckt und eine Unmenge Thüringer Rostbratwürste verspeist. Wir haben Osterfestivals entworfen und Kehrverse für Fürbitten zu bekannten Melodien wie „Mamma Mia“ oder „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“.

© Thomas Hirsch-Hüffell

Am Abend übermüdet und wieder zu Hause in Hamburg das Gefühl einer tiefen Berührung durch diese Tage: Von den vielen zupackenden Händen, für die es eine Frage der Ehre war, mit uns diese große Tagung „Vor(m) Untergang der Titanic. Werkstatt für Visionär*innen“ in Nöbdenitz zu stemmen – von der Kollegin über Küchenfrau und Grillmeister bis hin zum Fahrdienst. Von der Verbundenheit unter den Kolleg*innen aus allen Professionen, die sehnsüchtig auf der Suche nach der neuen Form der alten Eiche sind. Von der Tapferkeit, „in the middle of nowhere“ seinen Dienst zu tun und frech das Kleine zu achten.

Hier findest du verschiedene MDR-Beiträge über unsere Tagung:

zum Radio-Kurzbeitrag

zum Fernsehbeitrag

© Thomas Hirsch-Hüffell