© Reprodukt, Schwarzer Turm, contra (v.l.n.r.)

Comic als Dialogmedium

Neben vielen anderen Themen kann der Comic als relevantes Medium Jugendlicher und junger Erwachsener verstanden werden, denn die Gruppe der 15–29-Jährigen liest besonders häufig Comics – vor allem junge Männer. Das Vorurteil, Comics und Graphic Novels seien ausschließlich für Kinder und Jugendliche, geht ohnehin auf eine Zeit zurück, die in dem Medium eine Gefahr für Jugendliche sah. Demgegenüber verbinden sich mit dem Comic viele Möglichkeiten religiöser Bildung.

So werden die großen Sinnfragen unserer Existenz seit jeher im Comic verhandelt. Existiert Gott und wenn ja, warum zum Teufel ist er nicht da, wenn man ihn braucht? Wie passen eigentlich christlicher Glaube und Wissenschaftlichkeit zusammen? Und, weil wir gerade bei den großen Fragen sind: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Diese Fragen stellen nicht nur Comics und Graphic Novels, sondern auch Menschen, die Religion und Kirche eher fernstehen. Wir geben euch einen Überblick zu wichtigen Themen und zeigen euch, wie ihr mit dem Comic Impulse für eure Arbeit (mit Konfirmand*innen, in der Erwachsenenbildung, in Gesprächskreisen usw.) setzen könnt.

Auf Tiefgang mit Comics

Gottesbilder

Signale aufnehmen

Aus einer Umfrage unter Menschen, die der Kirche fernstehen, ergibt sich, dass für sie die Themenfelder "Leben nach dem Tod", "Gottesbilder" sowie "Fragen nach der Existenz Gottes" (Theodizee) durchaus relevant sind. Kirchliche Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, so die Empfehlung des ehemaligen Mecklenburger Bischofs Dr. Andreas von Maltzahn, müsse diese Themen mit besonderer Aufmerksamkeit behandeln. Gelingen kann dies u.a. mit dem Comic, der diese Aspekte auffällig häufig in seinen Erzählungen aufgreift. Will Eisners "Ein Vertrag mit Gott" oder Marjane Satrapis "Persepolis" machen beispielsweise das Thema Theodizee auf je unterschiedliche Weise zum Gegenstand. Etwa, wenn Frimme Hersh nach dem Tod seiner Tochter an der Wahrhaftigkeit Gottes zweifelt oder eine junge Iranerin Gott aus ihrem Leben verbannt, weil dieser Ungerechtigkeiten zulässt.

Marjane Satrapi Persepolis © Vintage Books

Marc-Antoine Mathieu, Gott Höchstselbst © Reprodukt
Gott Höchstselbst

Eine Vorstellung von Gott

Vorstellungen darüber, dass sich Gott vor Gericht für das Böse in der Welt rechtfertigen soll, verarbeitet Marc-Antoine Mathieu in „Gott Höchstselbst“. Damit bearbeitet er nicht alleine einen innertheologischen Diskurs im Comic, sondern greift ein Thema auf, das Christ*innen und Menschen ohne christliche Bindung gleichermaßen bewegt.

Eva Müller, Sterben ist echt das Letzte © Schwarzer Turm
Tod und Sterben – und dann?

Warum lässt Gott Leid zu?

Eva Müller zeigt in zahlreichen Episoden ihres Debüt-Comics, wie sehr das Ende unseres Lebens von Anfang an unser Dasein bestimmt. Der Comicartist Scharwel, der das "Endlichkeitsfestival – DIE STADT DER STERBLICHEN" in Leipzig mitverantwortet hat, widmet den Themen Tod & Sterben mit "Gevatter" gar eine ganze Comicserie. Auch der Tod und die Frage, was danach kommt, haben als Themenfelder eine hohe gesellschaftliche Relevanz – unabhängig von weltanschaulichen Orientierungen. Der Zeichner verarbeitet autobiografisch u.a. klinische Depressionen, Alkoholsucht und Angstneurosen. Geworben wird in Scharwels Comic für eine "angemessene Sterbekultur und dafür, dem Tod seinen berechtigten Platz in unserem Leben einzuräumen […], der oftmals tabuisiert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird." Tod und Sterben sind Leitthemen in Schwarwels Arbeiten und werden auch in Hinblick auf Bestattungsformen in seinem Comic "Schweinevogel" für Drunter & Drüber – Das Magazin für Endlichkeitskultur ins Bild gesetzt. 

Wann ist Kirche relevant für das Leben junger Menschen?

Magdalena Kaszuba, Das leere Gefäß © Avant-Verlag

Auf ein ganz anderes Vorgehen baut die junge Comiczeichnerin Magdalena Kaszuba, die sich in „Das leere Gefäß“ kritisch mit ihrer polnisch-katholischen Identität auseinandersetzt. Geprägt durch die streng religiöse Großmutter und die negativen Erfahrung mit Beichte und „kniend kauernden Menschen in den Kirchbänken“ bricht sie schließlich mit Kirche und Religion. Die Graphic Novel kann dabei durchaus auch als eine Geschichte über die Institution Kirche gelesen werden, die die Lebenswirklichkeit junger Menschen aus dem Blick verloren hat. Die eindringlichen Bilder fordern nachgerade eine Diskussion darüber, ob oder wie Kirche relvant für das Leben junger Menschen sein kann.

Philosophen unter sich

Wann hast du Gott das letzte Mal zum Teufel geschickt?

Die Comic-Serie LINCOLN spielt im Wilden Westen und begleitet einen Helden, deren ersten 19 Lebensjahre man mit den Worten des Comics als "einen schwierigen Start ins Leben" bezeichnen könnte: einsam, glücklos, scheinbar stetig vom Pech verfolgt. Dann trifft Lincoln auf Gott, einen kleinen Mann mit Bart, Hut und Poncho. Lincoln ist nicht besonders angetan von der Welt, in der er lebt. Er verneint alle moralischen Wertvorstellungen und er glaubt an nichts, schon gar nicht an Gott. Der Comic liest sich wie eine Zusammenfassung existenzieller Fragen, die Menschen an Kirche und Religion haben - mal augenzwinkernd, mal provokativ, mal in all ihrer Verzweifelung, sodass man sich die Freiheit herausnimmt, Gott zum Teufel zu schicken.

Jérome Olivier & Anne-Claire Jouvray, LINCOLN © Verlag Schreiber & Leser

© Jeff Hemmer

Graphic-Novel-Projekt: "Lübecker Märtyrer"

Wie geht zeitgemäße Erinnerungskultur für junge Erwachsene? Diese Frage beschäftigt uns - erst recht, wenn sie einen kirchengeschichtlichen Hintergrund berührt, wie die Geschichte der "Lübecker Märtyrer". Drei katholische Geistliche und ein evangelischer Pastor wurden am 10. November 1943 in Hamburg hingerichtet, nachdem sie zuvor u.a. geheime Informationen gesammelt sowie kritische Schriften ausgetauscht und vervielfältigt hatten. Dabei nimmt der evangelische Pastor der Lübecker Lutherkirche eine besondere Rolle ein - zunächst bekennender Nationalsozialist, beginnt er zu zweifeln und äußert sich, wie auch die katholischen Geistlichen, öffentlich kritisch in Gesprächen und Predigten. Antrieb ihres Handelns ist ihr christlicher Glaube. Nun wird die Geschichte der "Lübecker Märtyrer" erstmalig in einer Graphic Novel erzählt.

Gefördert durch zahlreiche Stiftungen sowie das Pädagogisch-Theologische Institut der Nordkirche hat das Werk Kirche im Dialog in Kooperation mit der Leiterin der Gedenkstätte Lutherkirche, Dr. Karen Meyer-Rebentisch, und dem Bremer Comic-Zeichner Jeff Hemmer ein Konzept für die Graphic Novel erarbeitet, deren Umsetzung in der zweiten Jahreshälfte 2021 beginnt.

Website Comic-Zeichner Jeff Hemmer